Vom Spreeübergang, dem Berliner Spreepaß

Im Jahre 1890 wurde in der Spree ein Knüppeldamm gefunden (s. Abb. 1). Endlich war der Beweis für die Existenz eines Spreepasses erbracht. Dank erfolgreicher Klimaforschung und datierter Befunde aus Köpenick (Abb.4) können nunmehr weitere Angaben zur Entwicklung des Spreepasses gemacht werden.

Dabei handelt es sich nicht nur um die Wasserstände, sondern auch um die zeitliche Entwicklung: Zwischen 1190 und 1300 fand ein dramatischer Klimawandel statt: Die auslaufende Trockenperiode schlug in eine länger andauernde Überflutungsperiode um. Daher musste der Spreeübergang mehrmals verlegt und angepasst werden.

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Abb. 1: Verschiedene Örtlichkeiten des Spreepasses im ortsfesten Bereich Berlins. Die Geländedarstellung entspricht einem Spreepegel von 30,50 m NN, der klimagesteuert bis zu +/- 2 m schwankte.

In der Trockenperiode vor 1200 dürfte es einen Knüppeldamm [1] und danach – bis maximal 1220 – eine niedrig liegende Brücke (32 m NN) an der engsten Stelle gegeben haben. Sie wurde vom weiter ansteigenden Wasser überflutet, so dass eine hochliegende Brücke (34 m NN) nahe des späteren Mühlendamms gebaut werden musste. Als „Neue Brücke“ kam um 1300 die „Lange Brücke“ hinzu. Sie diente vorwiegend dem Verkehr.

Vom Mysterium „Spreepass“

Seit Jahrhunderten suchte man nach Erklärungen zur Berliner Stadtentstehung. Dabei entwickelten sich märchenhafte Vorstellungen, die bis heute weiterhin verbreitet werden, obwohl nun durch archäologische Befunde und erfolgreiche Klimaforschung neue Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte vorliegen.

Immer noch hält sich aber die Vorstellung, dass sich der erste Übergang als Furt am Mühlendamm befand, dort wo die Spree angeblich ihre engste Stelle hatte. Dem setzt Müller-Martens [2] entgegen: Es fehlt die „exklusive Lage und Anziehungskraft“ des Übergangs am späteren Mühlendamm, zumal es seit langem in Spandau und Köpenick erprobte Übergänge gab.

Kann es hier eine Furt gegeben haben?
Das ist unwahrscheinlich, denn ein Durchwaten der Furt oder eine Zufahrt über Furtwiesen wie z. B. in Stralau war nicht gegeben, lag doch das Siedlungsgebiet und damit der Zugang zur Furt zunächst 3,5 m über dem Spreepegel: Am Beginn der Besiedlung betrug er minimal 30 m NN und stieg dann um 1215 auf 32,2 m NN, was ein Durchwaten unmöglich gemacht hätte. Durch archäologische Untersuchungen an den Kellern von Händlerhäusern wurden diese Wasserpegel bestätigt.

Außerdem liegt der vermutete Übergang im „Niemandsland“ (s. Abb. 3), für dessen Durchquerung keine Notwendigkeit erkennbar ist [3]. Warum sollte es also in Berlin eine Furt gegeben haben?

Falls es dennoch eine Furt gab, ist das nur für die Trockenperiode vor 1200 denkbar. So wird für das Jahr 1130 berichtet, dass Rhein und Donau ausgetrocknet waren [4]. Man konnte sie ohne Weiteres zu Fuß überqueren! Warum sollte das nicht auch für die Spree gegolten haben?

Nach 1200 verschwand die Möglichkeit einer Furt [5], weil der Wasserstand der Spree rapide anstieg (Abb. 4). Nach 1215 dürfte der Wasserstand bei über 32 m NN gelegen haben. Das geht aus dem Grabungsbericht aus Köpenick hervor [6]. Demnach begann um 1210 eine Grundwasserwelle, die bis 1280 angedauert haben könnte.

War das Gelände wirklich sumpfig?
Das Urstromtal zwischen den Hochflächen des Barnim und des Teltow weist eine Verengung auf (Abb. 2). Hier soll der Übergang in einem sumpfigen Gebiet gewesen sein, so die allgemeine Vermutung. Die Fakten sprechen dagegen!

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Abb. 2: Geologische Karte von Berlin. Rote Marken geben die Lage von Berlin und Cölln an.

Geologische Quellen beschreiben eine Jahrtausende zurückliegende Versumpfung. Damals war das Spreetal in der ganzen Länge und Breite mit großen Sumpfgebieten überdeckt, die später überflutet und mit Flusssand abgedeckt wurden. Sie vermoorten wegen Sauerstoffmangels.

Um 1200, als die Besiedlung der Berliner Region begann, hat man die einstige Versumpfung nicht mehr wahrgenommen! Schon zuvor konnte der Handelsweg Spandau-Köpenick (Abb. 3) über dieses Gebiet geführt werden [7], zumal das Spreetal während der 300-jährigen Trockenperiode [8] – also vor 1200 – wesentlich trockner gewesen sein dürfte.

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Abb. 3: Am Rande des Niemandslandes liegen Spandau und Köpenick

In diesem Zusammenhang ist es unlogisch, dass der Name „Berlin“ slawischen Ursprungs sein soll und sumpfig bedeutet [9], denn die sumpfige Periode liegt Jahrtausende zurück. Dazu kommt, dass in slawischer Zeit eine 300 jährige Trockenperiode herrschte.

Die Entwicklung des Spreepasses

Für die Entwicklung des Spreepasses war die Klimaentwicklung [10] entscheidend (Abb. 4). Sie läßt sich in vier Epochen beschreiben.

Abb. Abb. 4: Durch erhöhte Niederschlagsmengen (unten) entstand eine Grundwasserwelle (oben). Die Köpenicker Befunde sind als rote Kreuzchen markiert, siehe homepage-Beitrag „Projektion mittelalterlicher Befunde aus Köpenick auf die Berlin-Cöllner Spree“. Beim Stau, der wahrscheinlich am Ende des 13. Jh. wegen des Rückgangs der Überflutung angelegt wurde, wurde das Unterwasser (UP) angehoben (OP, Oberwasser).

1. Vor 1200: Die über mindestens 300 Jahre dauernde Trockenperiode fand ihr Ende. In dieser Übergangszeit dürfte man den Knüppeldamm angelegt haben, der im Jahre 1890 entdeckt wurde. Die Lage dieses Spreeübergangs – etwa beim „Heiligen Georg“- ist der Abb. 1 zu entnehmen. Zum Weg nach Spandau dürfte der Anschluss über das ansteigende Gelände zur jetzigen Spandauerstrasse/Ecke Rathausstrasse erfolgt sein. Nach Köpenick ging es direkt entlang am Ufer.
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Der Knüppeldamm [1] bestand aus einer Lage von Eichenstämmen direkt auf der Flusssohle liegend. Deren Durchmesser betrug 1 m. Darauf waren Faschinen aus Birkenreisig angebracht, die wiederum mit einer Lage von Baumstämmen abgedeckt waren. Diese Packung hatte insgesamt eine Höhe von etwa 2 m. Demnach konnte der Damm bis zu einer Spreepegelhöhe von etwa 30,50 m NN benutzt werden.

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2.Nach 1200: Der ansteigende Spreepegel überflutete den Knüppeldamm und den direkt anliegenden Uferbereich. Als Ersatz eignete sich nun die nebenstehende Engstelle (s. auch Abb. 1), die flussabwärts 50 m neben der jetzigen Rathausbrücke lag. Diese Örtlichkeit war optimal: Die zu überspannende Flussbreite betrug nur 60 m und die Uferhöhe 32 m NN, so dass der Übergang von den Ufern her gut erreichbar war.
Ein weiterer Vorteil war die 1,5 m bis 2 m über dem Spreepegel liegende Überbrückung (Abb.5). Daraus ergab sich eine ausreichende Durchfahrtshöhe für die Schifffahrt, wie wir das schon von den Havelbrücken am Burgwall in Spandau her kennen [11]. Leider wurde diese Brücke nicht nachgewiesen, doch spricht einiges für ihre Existenz.

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Abb. 5: Überbrückung bei einer Höhe von 32 m NN

3. Nach 1215: Durch den weiterhin ansteigenden Wasserpegel kam es zur Überflutung der niedrig liegenden, ersten Brücke, die nun auch ein Hindernis für die Schifffahrt war (Abb.6). Wahrscheinlich wurde sie abgerissen.

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Abb. 6: Überflutungen des Geländes mit 32 m NN (nach 1215)

Zu beachten ist, dass durch die Überflutung eine neue verwertbare Engstelle (in Abb. 6 und hier unterhalb gezeigt) am späteren Mühlendamm entstand. Allerdings betrug die Überspannungsweite nun etwa 160 m. Die Überbrückung konnte bei 34 m NN vorgenommen werden (Abb. 7), so dass die Brücke wiederum gut erreichbar war, lag sie doch auf der Höhe der Siedlungen. Auch war die Durchfahrtshöhe für die Schifffahrt ausreichend.

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Der Spreepegel lag nunmehr bei über 32 m NN. Sämtliche Gebiete bis zu einer Höhenlage von 32 m NN waren überflutet (Abb. 6). Das bestätigen auch zahlreiche archäologische Befunde [12].

Nach der Überflutung musste – wie aus der Urkunde vom 7. Jul.1365 [15, S. 61] ersichtlich – eine „Neue“ Brücke gebaut werden (s.„Lange Brücke“ in Abb. 8). Baulich war sie vergleichbar mit Abb. 7. Es ist fraglich, ob das sogleich nach Überflutung der ersten, an der alten Engstelle liegenden Brücke geschah oder erst später im Zusammenhang mit dem Umbau zum Mühlendamm.

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Abb. 7: Überbrückung an der neuen Engstelle bei 34 m NN

4. Um 1290: Nachdem der hohe Pegel der Grundwasserwelle wieder auf den Normalstand der Spree von 30,50 m NN zurückgefallen war, konnte man das Stauwehr, den Mühlendamm, errichten (Abb. 8): Durch das Stauwehr wurde die Spree auf 32,20 m NN angehoben (Oberwasser).

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Abb. 8: Nach der Errichtung des Mühlendammstaus gab es zwei Spreepegel: Das Unterwasser (hellblau, einstmaliger Spreepegel) und das Oberwasser (dunkelblau)

Um den Spreestau zu realisieren, wurden aus der Brücke (Abb. 7) zahlreiche Pfähle für die drei Gerinnedurchbrüche G1-3 (Wasserdurchlaß), herausgeschnitten (Abb. 9). Die Dammstücke D1-2, also der egentliche Stau, entstand durch die Verfüllung des verbliebenen Pfahlwerks mit grossen Findlingen [13]. Im Unterwasser standen die Mühlen.

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Abb. 9: Struktur des Baukörpers am Berliner Mühlendamm. In den Gerinnen G1-3 (gelb) wird das Oberwasser in den Unterwasserbereich (grün) geleitet. Dazwischen liegen die Dammbereiche D1-2.

Der Mühlendamm könnte um 1280 erbaut worden sein. Das entspricht der heutigen Meinung der Archäologen [14]. Die „Lange Brücke“ wird spätestens in diesem Zusammenhang errichtet worden sein (Abb. 8). Über sie lief der Verkehr, während der Mühlendamm vorwiegend für den Fußgängern vorbehalten war [15].

Die einstige Behauptung, schon die regionalen Überschwemmungen am Ende des 12.Jh. seien auf den Mühlendammstau zurückzuführen, lassen sich nicht mehr aufrecht erhalten. Solche Staus lassen sich erst ab der Mitte des 13. Jh.s in größerem Stil beobachten.

Schlußbemerkung

Der Spreepass musste klimagesteuert mehrmals verlegt werden (Abb. 1). Die Gegebenheiten brachten auch immer wieder Änderungen in der Bauausführung mit sich, was natürlich die Stadtentwicklung beeinflusste.

Hinweise auf die Datierungen des Wasseranstiegs ergeben sich aus den Köpenicker Befunden. Sie sind als Kreuzchen in Abb. 4, oben eingetragen [6]. Auch archäologische Befunde aus Berlin [16] unterstützen die Aussagen.

Literaturanmerkungen

[1] Herzberg, Rieseberg: Mühlen und Müller in Berlin, S.51
[2] Müller-Martens, Eckhard: Berlin im Mittelalter, 1987
[3] Herrmann, Joachim: Cölln und Berlin, Bäuerliche Rodungsarbeit und landesherrliche Territorialpolitik im Umfeld der Stadtgründung, Jahrbuch für Geschichte, Bd. 35, 1987, S. 23
[4] Büntgen, U. et al: European climatevariabillity and human susceptibilityoverthepast 2500 years, 2011, Science 331, 578-582, Abb.4
[5] Vahldiek, Hansjürgen: Cölln an der Spree, S. 29
[6] Malliaris, Michael: Ausgrabungen in der Altstadt von Berlin-Köpenick, Miscellanea Archaeologica, Festschrift f. Adriaan von Müller zum 70. Geburtstag, 2002, S 113-151
[7] Herrmann, Joachim: Magdeburg-Lebus, zur Geschichte einer Straße, Ur- und Frühgeschichte Potsdam, 1963, S.89
[8] Jäger, Klaus-Dieter: Oscillations of the waterbalance during the Holocene in interior Central Europe, Quaternary International 91, 2002, S. 33-37
[9] Die slawische Bezeichnung „brl“ soll sumpfig bedeuten. Das führt zur Erweiterung „Berl“ = sumpig. Allerdings gibt es auch die Erweiterung „Barl“, was „gute Ackerfläche“ bedeutet, die von den Dominikanern verwendet wurde. So wurde im Chorgestühl in Röbel (Müritz) die Inschrift „ barlinensis 1297“ als Gründungsdatum für den Convent in Cölln eingetragen.
[10] siehe mein homepage-Beitrag „Frühdeutsche Siedlungen am westlichen Rand der Teltowhochfläche“
[11] Müller, Adriaan von: Spandau, Fürstenburg, Fernhandelsplatz und frühe Stadt, 1997
[12] Schuster, Jan: Archäologische Untersuchungen an der Stralauerstraße, Miscellanea Archäologica II., Landesdenkmalamt Berlin, 2005, S. 208 ff.
Des Weiteren bestätigen zahlreiche Kellerbefunde den Anstieg der Wasserstände in Berlin. So waren um 1200 Kellertiefen bis zu 30 m NN möglich, wärend später um 1220 nur noch Tiefen von 32,50 m NN möglich waren (Abb. 4).
[13] Vahldiek, Hansjürgen: Berlin und Cölln im Mittelalter, 2011, S. 52
[14] Bleile, Ralf: Die Auswirkungen des spätmittelalterlichen Wassermühlenbaus auf die norddeutsche Gewässerlandschaft, in: Greifswalder Mitteilungen Nr.7, 2005, Hrsg, Günter Mangelsdorf
[15] Vahldiek, Hansjürgen: Berlin und Cölln im Mittelalter, 2011, S. 48 und 57
[16} Dressler, Torsten: Genese des Areals Podewilsches Palais, Archäologischer Grabungsbericht, Berlin 2002

Der Mühlendamm könnte um 1280 erbaut worden sein. Das entspricht der heutigen Meinung der Archäologen [14]. Die „Lange Brücke“ wird spätestens in diesem Zusammenhang errichtet worden sein (Abb. 8). Über sie lief der Verkehr, während der Mühlendamm vorwiegend für den Fußgängern vorbehalten war [15].

Die einstige Behauptung, schon die regionalen Überschwemmungen am Ende des 12.Jh. seien auf den Mühlendammstau zurückzuführen, lassen sich nicht mehr aufrecht erhalten. Solche Staus lassen sich erst ab der Mitte des 13. Jh.s in größerem Stil beobachten.